Ein Tag in Kairouan

„Tausend und eine Nacht… welch ein Aroma, wie durchdringend, wie berauschend, wie klärend zugleich.”

Paul Klee

Im milden, klaren Morgenlicht malten sie vor der Stadt: August Macke in geometrischer Aufteilung und starken Linien, Kairouans Mauern, Kuppeln und Türme; Kamele im Vordergrund, deren Höcker sich dem Prinzip des Dreiecks unterwerfen müssen. In Paul Klees Aquarell verschwimmen rötliche, blaue und braune Farbflächen. Zwei Kamele, ein Esel und eine weiße Gruppe sind nur noch zaghaft zu erahnen. Am Abend ihres Aufenthalts in Kairouan schrieb er seine pathetischen Gedanken nieder: „Ich lasse jetzt die Arbeit. Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiß. Die Farbe hat mich. … Sie hat mich für immer, ich weiß das.“

Kairouan ist darüber eine heilige Stadt und noch immer eine religiöse Hochburg. Mit dem Ende der französischen Kolonie und der Unabhängigkeit des Landes, protestierten zahlreiche Menschen gegen den ersten Präsidenten Bourguiba und dessen laizistische Gesetze. Nachdem Tunis immer mehr zum Zentrum des Landes wurde, blieb Kairouan ausschließlich als religiöses Zentrum zurück. Dieser Ort, an dem die Geschichte des islamischen Nordafrika begann, steckt voller Sagen und Legenden.

Monumentale Zeitzeugen 

Wir sitzen am Morgen in einem der zahlreichen Straßen Cafés bei einem grünen Tee. Im grellen Licht der afrikanischen Sonne glänzen Wände und Dächer wie aus Zucker gebacken. Ich schließe die Augen, um die Wärme der Sonne zu genießen. Hinter uns unterhalten sich zwei ältere Herren, gehüllt in Jalabas, auf ihren Köpfen thronen Chechias. Als sie aufstehen, um in der Menge zu verschwinden, ergreifen wir auch die Gelegenheit zu einem entspannten Spaziergang durch die Gassen dieser Stadt. 

Das Tor Bab El Chouhada

Wir betreten die Altstadt durch das Bab El Chouhada, zu deutsch Märtyrer-Tor, welches im Laufe der Geschichte Zeuge vieler Verbrechen und Tyrannen wurde. Der grausamste unter ihnen war der sogenannte Mann mit dem Esel – Abi Yazid Ibn Mukhaled Ibn Kaidad. Historiker berichteten dass er im zehnten Jahrhundert die erste Hälfte seines Lebens als Lehrer in einer Koranschule in Tozeur lehrte. Im Alter von etwa 40 Jahren sammelte er ein paar 100 Anhänger und Ritt auf einem Esel davon. Er erklärte den Schiiten, die damals Afrika beherrschten, den heiligen Krieg. Nach der Eroberung Kairouans ließ er unter der Bevölkerung der Stadt Verbrechen begehen und Angst und Schrecken verbreiten, die zu den schlimmsten in der Geschichte Nordafrikas zählen. Seine Kämpfer plünderten, hängten Imame und vergewaltigten Frauen und Kinder. Leichen hingen wochenlang an der Stadtmauer. Heute erinnert nichts mehr an diese Grausamkeiten.

Der Brunnen Barouta 

Seit 1300 suchten Nomaden, wandernde Berber und araber hier Wasser, das der Legende nach durch unterirdische Ströme mit den heiligen Gewässern von Mekka verbunden sein soll. Wie schon vor Jahrhunderten umkreist ein Kamel mit verbundenen Augen den Barouta, einen überdachten Brunnen. Junge Frauen mit ähnlichem Heiratswunsch schmücken sein Geschirr mit bunten Tüchern oder färben kleine Stellen seines Fells mit der pflanzlichen Farbe Henna. Kinder füttern und streicheln das Kamel. Im rhythmischen Takt des Kamelschrittes berichtet uns der Wärter, dass Muslime der Sage nach im 7. Jahrhundert in dieser Gegend die Hauptstadt ihres neue eroberten Reiches errichten wollten. Als sie jedoch feststellten, dass die Gegend an Wassermangel litt, verwarfen sie ihren Plan. Doch als eine Hündin begann zu scharren, befahl der Anführer der Muslime seinen Soldaten, an dieser Stelle zu graben. Und tatsächlich sprudelte bald Wasser aus der Tiefe und so wurde die Stadt rund um diese Wasserstelle errichtet. In Dankbarkeit benannte man diese Wasserstelle nach der Hündin.

Bis heute sind die Bewohner Kairouans von der heilenden Kraft des Wassers überzeugt. 

In einem Tonbecher, der vermutlich seit Jahrzehnten nie ausgespült wurde, bietet der alte Mann, der diese heilige Stätte bewacht uns Wasser an. Raja redet sich geschickt aus der Situation und lässt mir den Vortritt – Ablehnen gehört sich nicht. Ich merke direkt, wie sich ein Herpes anbahnt, noch bevor ich den Becher ansetze. Das Wasser schmeckt abgestanden. Ich kämpfe mir ein Lächeln ab, bevor wir weiterziehen. 

Der Souk El Jaraba

Wir betreten den überdachten Markt. Am Eingang stellen die Frauen, eingehüllt in ihrer langen Sefsari, ihre Hand gefertigten Teppiche aus. Kairouans Teppiche sind in der ganzen Welt berühmt. Schon im jungen Alter lernen die Frauen, die Kunst des Knüpfens von ihren Großmüttern und Müttern. Schnell gesellt sich ein Händler zu uns und erläutert mit einem Augenzwinkern, dass man in ihren Formen Linien und Farben einen Hauch von Erotik erkennen kann. Mit seeeehr viel Fantasie kann man seiner Meinung nach hinter einigen Mustern die Henna gefärbten Hände einer Frau, ihre großen dunklen Augen, ihre langen schwarzen Haare, einen schwungvollen kirschroten Mund und eine schwungvolle Silhouette erahnen. 

Was wirklich auffällt, ist dass alle Zahlen von 1-5 in diversen Motiven immer wiederkehren. Die 1 als simple Linie steht für die Gegensätze, die 5 beispielsweise in Form von Fatimas Hand „Hamsa“ bringt Glück.

Neben geometrischen Motiven zieren auch kleine stilisierte Figuren wie Gazellen und Personen die handgemachten Kunstwerke.

Vorbei an vielen kleinen Geschäften, spielenden Kindern, Männern, die sich mit Schubkarren voller Ware den Weg bahnen, bemerken wir unterschwellig, wie tief greifend hier die Religion ist. Auf einer Türschwelle sitzen ältere Herren im traditionellen Gewändern, einer Jibbah und Plusterhose, mit Gebetskettchen in der Hand.

Die Sidi Oqba Moschee / die Große Moschee

Kairouan gilt als vierte heilige Stadt nach Mekka, Medina und Jerusalem. Fünfmal am Tag schwebt sie aus der Höhe des Turms bis weit ins Land, eine gewaltige Stimme, die seit jeher den Satz „es gibt keinen Gott außer ihn und Mohammed ist sein Prophet“ – la ilaha illala we mohammedun rasulullah“ verkündet.

Wir erreichen den Ort, wo einst die Geschichte des islamischen Nordafrika begann. Vor uns erhebt sich die älteste Moschee/Universität, UNESCO Welterbe und gilt als geistiges Zentrum in Nordafrika. 

Nach seinem großen Sieg über die Römer im Süden Afrikas, beschloss der Herrführer der muslimischen Kämpfer Oqba Ibn Nafi, an dieser Stelle, wo sich seine Soldaten zur Rast nach den Kämpfen niederließen, ein angemessenes Gotteshaus zu errichten. Um die Moschee herum sollte eine Stadt in sicherer Entfernung zum Meer und Vergeltungsangriffen römischer Legionen entstehen. Einer Legende nach war damals dieses Gebiet Menschenleer. Nur wilde Tiere und giftige schlangen waren hier heimisch. Der Herr Führer rief: „Schlangen Tiger Löwen und Wölfe, wir sind die Soldaten des Propheten Mohammed. Verschwindet oder wir müssen euch töten!“ Schon nach kurzer Zeit waren alle wilden Tiere fort.

Von hier aus eroberten die muslimischen Kämpfer weite Teile Nordafrikas und Südeuropas. Im Jahr 711 wurde Andalusien zu einer islamischen Provinz. Historiker bezeichneten Städte wie das marokkanische Fez oder das andalusische Cordoba als Töchter Kairouans.

Die Moschee war ursprünglich sehr einfach gestaltet, erst später wurde sie erneuert mit Steinen, Säulen und Marmor aus den Trümmern Karthagos und anderer römischer und punischer Städte. Der Gebetsraum zählt mehrere hundert Säulen. Wie eine Fata Morgana in der Steppe leuchten ihre blendenweißen Kuppeln als Wahrzeichen. Das Minarett ragt empor wie ein Wüstenwachturm. Von oben verstehen wir, was die Stadt durch die Jahrhunderte war: mehr als eine Oase, einer Herausforderung an die Wüste. Wie mag die Stadt damals wohl auf Karawanen gewirkt haben? 

Barbier Moschee 

Die gesamte Medina der „heiligen Stadt“ Kairouan ist wie ein Traum aus 1001 Nacht. Aber am beeindruckenstem empfinden wir die „Barbier-Moschee“. Raum und Zeit verschränken sich in den Moscheen vor Ort in den schmückenden Ornamenten, die weder Anfang noch Ende kennen. 

Das Mausoleum gilt Abou Zamaa al Balawi, der angeblich der Barbier des Propheten Mohammed. Sein Grab ist – wie der Gebetsraum für Nicht-Muslime gesperrt. Aber die restlichen Räume bieten genug Sehenswertes, vor allem die Kacheln und Stuckarbeiten an Decken und Wänden. Über all dem liegt eine feierlich, mystische Atmosphäre.

Mystisches 

In der Moschee duftet es im flackernden Kerzenlicht nach Moschus und Weihrauch. Es ist so ruhig und friedlich. Ein paar Frauen küssen den Schrein und murmeln Bittgebete. Abou Zamaa gilt als einer der größten Mystiker der Stadt. Ein anderer, um den sich zahlreiche Legenden drehen, hieß Amor Abbada und sein Ruf als tüchtigster Schreiner und Schmied eilte ihm voraus. Alles aus seiner Hand verzierte er mit Suren aus dem Koran. Eine seiner riesigsten Pfeifen, die einen Platz im Museum der Stadt gefunden hat, fordert er die Gläubigen zum Rauchen von Haschisch auf um Fantasie und Geist zu befreien und die Seele zu reinigen. Angeblich soll er auch die Französische Kolonialzeit vorhergesagt haben.

Wasserspeicher 

Wir laufen weiter zu den Becken der Aghlabiden, welche arabische Emirate im neunten Jahrhundert erbauen ließen unter ihrer Herrschaft war die Stadt das prachtvolle Zentrum des sunnitischen Islam. Kairouan galt als Weltoffene, tolerante Stadt. Kunst, Wissenschaft und Schulen in der Nähe der Moschee zogen Studenten und Forscher aus ganz Nordafrika und sogar fern dessen Grenzen an. Die ihm ihre errichteten herrliche Paläste und verbrachten die heißen Sommernächte an den großen Wasserspeichern in Gesellschaft von Sängerinnen, Tänzerinnen und Musikern.

Süße Souvenirs 

Langsam neigt sich der Tag seinem Ende, es dämmert. In Kairouan bereitet man sich auf das Abendgebet vor und besinnt sich auf die Ursprünge. Bevor wir die Heimreise antreten, kaufen wir noch schnell ein bisschen Makroudh. Was gibt es Schöneres, als zu einem Minztee oder einem arabischen Mokka ein oder zwei köstliche Dattel-Makroudh zu naschen? 

In Tunesien gilt Kairouan als Spezialist für diese Süßigkeit, was sicherlich auch auf die Nähe zu den Dattel-Oasen zurückzuführen ist. Der Historiker Ibn Rachiq El-Kairouani sagte: “Wenn ein Jahr der Dürre und des Elends die Berber trifft, würden sie Grieß und Datteln kaufen, die sie mit grünem Olivenöl geknetet haben, um ihre Mahlzeiten zuzubereiten, um den arroganten Tagen zu widerstehen.” Dementsprechend müssten die Berber die ersten gewesen sein, die das reichhaltige Gebäck erfanden, bevor es sich im ganzen Maghreb ausbreitete. Aus Grieß, Butter oder Ghee und Datteln, gemischt mit Gewürzen und Orangenblüten, ist es im Laufe der Zeit eins geworden des besten Gebäcks in Nordafrika entstanden, welches gleichermaßen insbesondere an den Abenden der Ramadanzeit serviert wird. Überraschend ist, dass das in Sirup getränkte Gebäck sogar auf Malta als „maqrout” und in der Türkei eine vergleichbare Nascherei aus denselben Zutaten unter dem Namen „kopardilar” gleichermaßen geschätzt wird.

Manche behaupten Makroudh ahmen die Form von Diamanten nach. Etwas Kostbares, ebenso besonders wie die süße Nascherei selbst.

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