Oasen – die Wüstenschätze

„Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.“

Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz, Kapitel XXIV

In der Wüste kann man sogar die Stille hören. Je weiter wir nach Süden kommen, desto karger wird die Landschaft. Dem Auge wird nichts mehr zur Orientierung oder zu Abwechslung geboten. Es ist ermüdend eintönig – zum Glück ist Wassim, unser ortskundiger Fahrer und Führer daran gewöhnt, hält ein Schwätzchen mit Raja und ich kann zwischendurch einfach mal einnicken. 

So ist besonders zu erkennen, welche wundersame Fruchtbarkeit sich in der Oase entfaltet. Die Liebe zur Wüste – nur dem verständlich, der ihr leibhaftig begegnet ist, wie sie André Gilde einst empfand („und am nächsten Tag liebte ich nur noch die Wüste“), muss vorausgehen, um das Geschenk der Oasen zu würdigen. 

Kleine Paradiese zwischen Sand und Stein – Oasen 

Das Ohr ist eingenommen vom Plätschern des Wassers, dem so lange vermissten Geräusch und vom Gesang der Vögel. Als ob das ringsum schlafende Leben hier plötzlich erwacht sei. Auch die Nase fühlt sich geschmeichelt: ein Duft von Frische, von Blüten und von Früchten. Er setzt sich durch, lässt den trockenen heißen Hauch der unendlich scheinenden Sandöde vergessen. Ein schöner Gegensatz zur Eintönigkeit der sonnengedörrten Strecke, der mehrstündigen Fahrt in knallender Hitze, mit dem Staubschleier als ständigen Begleiter.

In Tunesien gibt es zehn größere Oasen, die allesamt eines gemeinsam haben: den Reichtum an Dattelpalmen. Im Raum von Kebili  wurden bereits vor einem halben Jahrhundert 800.000 Palm gezählt, bei Gafsa 900.000, in Gabes mit der Oase von Chenini 500.000 Palmen. So hat man in Nefra, am Rand der Sahara auf 950 ha annähernd 400.000 Palmen, in Tozeur auf 1050 ha kultiviert, die von 200 Quellen bewässert werden. Die erste Oase auf unserer Fahrt entlang der Küste ist Gabes. Hier kann man eine kleine Pferdekutsche mieten, der im Schritttempo durch die Oase fährt. Gebildet wird Oase von einer Schlucht des Flusses Qued Gabes, der im Bereich von Chenini über 300.000 Palmen bewässert. Begeben wir uns in die Oase unter den Schirm der Bäume, so weicht die Glut des afrikanischen Himmels einem kühlen Schatten, der sofort belebt. Kein Wunder also, dass solche Oasen für die Karawanen zu Handelszentren wurden in denen sich die Männer der Wüste und die Bewohner der fruchtbaren Ansiedlung trafen. 

Wir betrachten herrliche Gärten, die umgeben von öder Wüstenlandschaft wie ein Märchen wirken. Wie Kronen wirken die stolzen Dattelpalmen. Über die Qualität und gesundheitlichen Aspekte der Dattel haben wir ja schon berichtet. Doch die Palmen haben viel mehr zu bieten, als die süßen Früchte.

Vielseitige Verwendung der Dattelpalme

Die Palme, zugleich das Fundament der Oasen ist ein erstaunlich vielseitiger Baum. Die Menschen die Oasen leben von der Palme und für die Palme, denn sie müssen für ihre Bewässerung und Kultur sorgen. Hier werden alle Teile der Palmen genutzt:

Palmensaft

Aus dem oberen Teil des Palmenstammes gewinnen die Dattelbauern eine besondere Spezialität, in Form eines graugrünen, süßen Saftes. Je nach Zeitpunkt des Aufenthaltes, sprich zu Beginn der Dattelernte erhält man den Palmensaft noch alkoholfrei. Im nicht fermentierten Zustand heißt das Getränk der Region Lagmi und wird gut gekühlt an jeder Ecke angeboten. Später hingegen bekommt man den Palmensaft nur noch als Hochprozentiges angeboten. Auch wenn in Tunesien alkoholische Getränke eher hinter verschlossener Tür konsumiert werden, sei Thibarine als weiterer Dattellikör erwähnt.

Dattelkerne 

Auch die Steine der goldenen Früchte lassen sich weiterverwenden. Geschrotet nutzen manche Familien sie als Futtermittel oder Kaffeersatz. Mit dem richtigen Werkzeug presst man aus den Dattelkerne herrliches Dattelöl, was sowohl für die Küche als auch in selbstgemachter Kosmetik wunderbar nutzbar ist.

Palmenholz

Aus den Stämmen der Palme werden Möbel, Furniere und Dachbalken hergestellt. Außerdem entstehen Truhen aus Palmenholz.

Palmenblätter

Aus den Fasern der Palmenwedel werden Seile oder Gebrauchsgegenstände wie Fußmatten oder wunderschöne Körbe oder Hüte geflochten. Wenn gar nichts mehr damit anzufangen ist, werden die vertrockneten Palmwedel werden als Brennstoff zur Produktion der traditionellen Ziegelsteine genutzt.

Leben in der Oase

Im Bann der Oasen entstanden Städte, die nicht in einem Atemzug mit anderen tunesischen Siedlungen genannt werden können. Wer glauben sollte, dass ein Haus doch hübscher im Kranz von Palmen stünde, muss bedenken dass es das Gesetz der Oase ist, den besten, fruchtbarsten Boden allein für die Pflanzung frei zu halten. Gewohnt für dort, wo sonst nichts rechtes wächst. Die Menschen von Tozeur und Nefta haben ihre Häuser nicht nur aus Ziegelsteinen gebaut, sondern diese zugleich in reizvollen Ornamenten angeordnet; kaum ein Haus, dass nicht eine eigene Fantasievolle Note aufweist. 

Abgewand von der Straße sind die Wohnräume der Häuser, um einen Innenhof herum angeordnet. Eine sinnvolle Verschachtelung verwehrt auch hier den Blick von draußen. Arkaden, Mauern und Dächer sorgen für Schatten und Kühlung. Mit Ockerfarbenen Bögen, Fassaden und Mauern schuf man einen wohl einmaligen Oasenstil.

Kunsthandwerk

Jede Oase hat ihre besonderen Kunsthandwerker, eigentlich müsste man eher Spezialistinnen sagen. Gabes ist für seine Teppiche berühmt. Gafsa gilt als Herstellungsort besonders schöner Decken, während die Frauen von Tozour ihre Kunstfertigkeit in der Burnusfertigung beweisen. Früher trugen Kamelkarawanen die Erzeugnisse der Oasen – von Datteln bis zu Textilien – bis ins zentrale Afrika.

Die bekanntesten Oasen 

So eindrucksvoll die großen Oasen auch sind, ihr solltet wenigstens auch einer der kleinen Oasen dicht am Wüstenrand aufsuchen. Douz etwa, wohin Donnerstags die Nomaden und Tuareg zum Markt kommen oder El Hamma du Djerid, wo die Attraktion Thermalquellen sind. bei den Gebirgsoasen Chebika, Tamerza und Midès besteht der Reiz darin, dass hier im Bereich einer Wüstenlandschaft Wasserfälle rauschen: die Palmen, die die Landschaft weit überragen, baden buchstäblich im Wasser. Hier und da sind auch die kleinen Oasen bereits touristisch vermarktet. Insbesondere in Tozour weichen aufdringliche Jugendliche und geschäftstüchtige Händler den touristischen Besuchern kaum von den Füßen.

Auch wenn eine Handvoll Hotels an die Urlaubszentrum des Nordens erinnern, Oasen bleiben hoffentlich weiterhin tatsächlich Oasen.

Tozour

Das Dorf Tozour war im 16.Jahrhundert eine Art Handelsknotenpunkt für durchziehende Karawanen. Das Wort bedeutet in der Sprache der Berber übrigens „Wasserquelle“. Man kann sich regelrecht vorstellen, welche Erleichterung die Karawanen verspürt haben müssen beim Anblick dieser Oase.

Die Einwohner stammen meist von zugewanderten Berberfamilien aus dem Umland. Eine schöne traditionelle Eigenschaft weist die Architektur auf: Ockerfarbene handgemachte Ziegelsteine der Häuser sind versetzt angeordnet und bilden geometrische Muster auf den Fassaden und spielen mit dem wandernden Sonnenlicht. Bauherren sind heute sogar gesetzlich dazu aufgefordert, weiterhin in diesem Stil zu bauen, um das Gesamtbild des kleinen Städtchens nicht zu stören.

Douz

Wir steuern die letzte Oase zur Wüste namens Douz an. Dahinter beginnt die unendliche Weite der Sahara. Um durch die Wüste zu ziehen, sind Kamel oder Dromedar das beste Transportmittel, also satteln wir mit warmer Jacke, Zahnbürste und Wasser im Rucksack um. Mehr benötigen wir nicht für unsere anstehende Nacht in der Wüste.

Kamele

Allah hat 99 Namen, die zugleich seine Eigenschaften sind und im Koran erwähnt werden. Legenden behaupten, das Kamel gehe stets mit erhobenem Kopf, weil es als einziger Allahs 100. Namen kennt.

Wenn das Kamel nicht wäre, hätte der Mensch in der Wüste nicht überleben können. Aber die hochbeinigen Dromedare, wahre Wunder der Anpassung an die extremen Landschaft, trugen ihn über das sandige Dünenmeer. Heute transportieren sie meist Touristen. Hoch oben zu Kamel oder Dromedar werden heute wir in das Meer aus Dünen geführt. Während die tierischen Wüstenschiffe gemächlich auf den Spitzen der Dünen entlang trotten, frage ich mich, was passiert, wenn mein treues Wüstenschiff abrutscht. Mir war nicht klar, dass man wirklich so hoch oben sitzt. Aber dieses Geschaukel, der Blick in die Weiter und dieses besondere Licht sind unbeschreiblich. Was sind das bloß für wunderschöne Geschöpfe!

Hier findet jedes Jahr das Sahara Festival statt. Beduinen und Berber, Nomaden und Oasenbewohner aus mehreren Ländern Nordafrikas kommen zum Jahresende in Douz zusammen um zu feiern.

Wassim gibt eine weitere Geschichte zum besten: eines Tages kam eine Handvoll stolzer Mauren nach Frankreich. Männer der Wüste, die nichts anderes kannten als den Sand und den Koran. Es war die große Zeit der Franzosen, als ihnen die ganze Sahara allein gehört. Die Gastgeber luden die Beduinen ein, und präsentierten die Wunder des weißen Mannes v. Seltsamerweise waren es nicht die Radios oder gar die Eisenbahn, die sie überwältigen. Nein. Zu heulen fingen sie an, als sie zum ersten Mal einen Wald sein. Gleichermaßen fasziniert standen sie vor einem Springbrunnen, unfähig, sich von diesem fantastischen Anblick zu lösen. Die Gastgeber verloren beinahe die Geduld und forderten mürrisch zum Aufbruch: „Wir müssen weiter kommt!“ Die Beduinen wollten warten. Doch worauf? Sie konnten nicht fassen, dass das Wasser nicht aufhörte und ewig sprudeln würde. So selten, so unersetzlich war es doch in ihrer Heimat.

Uns hingegen fasziniert die Wüste. In Tunesien, 400 km südlich der Landeshauptstadt, fängt sie an. Das kleinste Nordafrikanische Land, dessen Hälfte seiner gut 160.000 Quadratkilometer unter Sand liegt. Hinter Gafsa und Gabes endet der Norden, mitsamt der Bäume und der aus Beton hochgezogenen Urlaubszentren an der Mittelmeerküste.

Sahara Festival 

Das gleiche Ziel mit Lust und Notwendigkeit sich zu erinnern, treibt auch Tunesier hier her. Wenn Douz, direkt am Eingang zur großen Düne, dem Grand Erg Oriental feiern sie ihre Vergangenheit. Das Festival der Sahara dauert vier Dezembertage. Und natürlich soll das Spektakel Besucher herlocken. 

Nach einem gestrigen kräftigen Regenschauer haben Himmel und Erde heute genau die Farbe und die Temperatur, die ein solches Fest fordert. Gelb und warm leuchtet die Oase. Die Sarah wird zur Bühne für Berberhochzeiten, Kamelrennen und kunstvolle Reiterspiele. Wenn die Wüste tanzt, werden Träume vom Orient wach. Berber-Mädchen schmücken sich für das Saharafest zur Zeit mit Goldschmuck und prunkvollen Gewändern. Die Beduinen erinnern an ihren Stolz und an ihr früheres Leben, dass wild war, atemloser und mutiger. Noch malerischer als sonst erscheint auch der Markt im Palmenhain der Oase Douz.

Nachmittags rennen alle hinaus zum Wüstenstadion, was eigentlich nur aus einer Tribüne und einer 100 m breiten Sandpiste besteht; mittendrin steht ein Brunnen. Truppen aus Ägypten, Libyen, Jordanien, Libanon, Algerien und dem Gastgeberland treten an, um kunstvoll von früher zu berichten.

Stolze junge Männer mit Dolchen und einem Patronengürtel über der Brust jagen auf ihren Pferden zu sechst nebeneinander die Piste entlang, stellen sich auf, peitschen die Pferde zu mehr Schnelligkeit, reichen sich die Hände, suchen halsbrecherischen den Schulterschluss und schießen in den Himmel, als würden sie nichts auf der Welt fürchten. Einer von den kriegerhaften furchtlosen Reitern ist Wassims Neffe Abdel. Zwischendurch ertönt immer wieder Trommeln. 

Kurz darauf werden wir Zeuge einer Szene, die auf absurde Weise das schwierige Verhältnis veranschaulicht zwischen den Menschen die nach Douz reisen und denen, die in Douz daheim sind. 

Kaum ist nach Ende des Spektakels das Stadion leer und die Blechlawine der 30.000 Zuschauer lautstark verzogen. Die Busse voller Touristen rollen aber noch nicht wieder Richtung in der Hotels. Es geht lediglich zur nächsten Station: die Touristenschwärme werden mit weißen umhängen und Chechias kostümiert. Diese Touristengruppe kommt aus Sousse und ist bereits seit den frühen Morgenstunden unterwegs. Plötzlich taucht Wassims Neffe auf, der noch vor wenigen Stunden siegessicher im gestreckten Galopp an der Tribüne vorbei preschte. Jetzt ist er wieder im „richtigen“, glamourösen Leben, muss mithelfen beim „Verladen“ von knapp 40 mit Kameras bewaffneten Fremden, die stilistischer Socken in Sandalen tragen, auf 40 kniende Dromedare. Er begrüßt sie mit den Worten „Haben Sie keine Angst, die Kamele sind alle ordentlich!“ Diese Tätigkeit schafft es nicht annähernd, das Herz gleichermaßen zu beglücken wie der stolze Galopp.

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