Jasminrevolution

„Die Hoffnung und der Traum sind Brüder.“

Tunesisches Sprichwort

Auf dem von Schattenspendenden Bäumen gesäumte Mittelstreifen befindet sich die Flaniermeile der Stadt. Hier trifft man Freunde, kauft Zeitungen oder Zigaretten. Etwa auf halber Höhe in Richtung zur großen Uhr reihen sich auf der Seite des Theaters an der Ecke Rue de la Grèce und dem Hotel Carlton auf der gegenüberliegenden Seite zahlreiche Art-Déco-Häuser. 

Hotel Carlton

Wir haben diesmal ein Zimmer im Hotel Carlton gebucht – ein modernes, komplett kernsaniertes Haus in zentralster Lage. Das Hotel ist ein ehemaliges Grand Hotel aus dem Jahr 1926 und hat nach der Renovierung lediglich die Fassade in diesem Stil beibehalten. Innen ist alles komplett modernisiert und man hat einen herrlichen Blick auf die pulsierende Ader der Hauptstadt. 

Was man kaum ahnt, ist die kreative Rückseite des Hauses, die von den jungen tunesischen Graffiti-Künstlern Yacine und Sadok des Kollektivs ST4 zu einem in sich stimmigen Gesamtkunstwerk verziert wurde. Auch innen findet man an so mancher Wand künstlerische Elemente. Das Projekt ST4 wurde von einem Street-Art-Duo 2013 in Tunis gegründet und setzt Graffiti als Ausdrucksmittel ein. Fassaden im urbanen Umfeld wie auch in Wüstendörfern inspirieren die Kreativen gleichermaßen zu ihren Kunstwerken, mit denen sie den von der Zeit gezeichneten Wänden neues Leben einhauchen. Das Kunstwerk des Projekts ST4 an der Fassade des Hotel Carlton ist das erste und umfangreichste seiner Art in der Hauptstadt. Die Künstler widmeten es dem verstorbenen tunesischen Dichter Mohamed Sghaïer Ouled Ahmed, der stets gegen die Unterdrückung kämpfte und insbesondere unter dem Regime des ehemaligen Staatsoberhaupt Ben Ali wegen seiner Ansichten verfolgt wurde. Bereits einige Jahre vor der tunesischen Revolution zum Jahreswechsel 2010/11 prophezeite er in seinen Werken das Aufkommen des Aufstands, der die Diktatur beenden würde. 

Tunis ist eine lebhafte Stadt, die sich schnell verändert: Restaurants, Geschäfte, künstlerische Orte, kulturelle oder politische Ereignisse haben die Straße geprägt. Die Avenue Bourguiba ist das moderne Herz einer Stadt, die immer wieder im Wandel steckt. Im Fahrstuhl präsentiert das Cover der New York Times vom 15. Januar 2011 die letzten Ereignisse der tunesischen Revolution, die direkt vor der Tür des Hotels stattfand.

Die Revolution

Ich erinnere mich wie heute, als ich von den Unruhen erfuhr: Noch bevor die deutschen Nachrichten berichteten, verfolgte ich die Bilder, Videos und Nachrichten, die sich in rasantem Tempo im Internet verbreiteten. Mohamed Bouazizi, wollte aus Mangel an beruflichen Möglichkeiten im Land, zur finanziellen Unterstützung seiner Familie, Gemüse verkaufen. Das hiesige Ordnungsamt ließ mehrfach seinen Verkaufsstand schließen, beschlagnahmte die Ware und demütigte den jungen Mann. Später sollte es heißen, ihm habe die Genehmigung für den Stand gefehlt. In seiner Verzweiflung übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an. „Seine Tat war der Funke, der den Flächenbrand entzündet und letztlich die ganze arabische Welt verändert hat“, schrieb der libysche Journalist Ibrahim al-Koni

Die Stimmung war längst zuvor getrübt, denn die die Preise für Grundnahrungsmittel waren zuvor explodiert. Bouazizis Verzweiflungstat führte allen noch einmal mehr die hohe Perspektiv- und Arbeitslosigkeit im Land vor Augen. Das Volk Tunesiens zog auf die Straßen, forderte neben einer neue Verfassung und freien Wahlen vor allem Arbeit, Freiheit sowie Würde. Man lieferte sich mit der Polizei heftige Straßenschlachten. Nach über 20 Regierungsjahren flüchtete der Präsident Ben Ali am 14. Januar nach Saudi Arabien und hinterließ absolutes Chaos und Ausnahmezustand. 

Lina Ben Mhenni

Eine der bekanntesten Stimmen dieser Zeit war die Bloggerin Lina Ben Mhenni. Sie berichtete direkt aus den Tumulten in der Hauptstadt, reiste sogar ins Landesinnere nach Sidi Bouzid, um sich vom eigentlichen Ort des Geschehens ein Bild zu machen. Sie fotografierte brutale Polizeieinsätze, besuchte Verletzte im Krankenhaus und verbreitete diese Dokumentation über ihren Blog. Mit ihrem engagierten Einsatz und der Tatsache, dass sie mit ihrem eigenen Namen und nicht unter einem Synonym publizierte, riskierte Lina festgenommen zu werden. Mehrmals wurde ihr Blog gesperrt, zeitweise war im ganzen Land sogar das Internet abgestellt. „Nach Ben Alis Sturz war eine der größten positiven Veränderungen die neue Meinungsfreiheit,“ berichtete Ben Mhenni.

„The Tunisian Girl” verstarb Anfang 2020. In einem ihrer letzten Interviews gab sie zu bedenken, dass die Revolution ein langwieriger Prozess sei, der noch kein Ende gefunden hat. Tunesien dürfe die Ziele nicht aus dem Blick verlieren, Lösungen für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu finden, Terrorismus zu bekämpfen und dabei die Menschenrechte schützen.

„Mein Wort ist frei!“

Emel Mathlouthi

Nach meiner ersten Rückkehr nach der Revolution erwartete ich Schlimmes in der Tunis. Festgebrannt hatten sich die Bilder in meinem Kopf von der Polizei, die mit Tränengas gegen die Demonstranten vorging, Panzer die durch die Stadt rollten, in Brand gesteckte und verwüstete Gebäude, die in irgendeiner Weise mit der Familie Ben Alis in Verbindung standen, wütende und zugleich verzweifelte Menschen, die an den Laternen der Flaniermeile und der großen Metalluhr hochkletterten und im Kanon „Degage!” also „Verschwinde!” riefen.

Zwischen dem ganzen Chaos gab es Momente, die auf eine andere Art berührten – Momente voller Symbolik. Jedes Mal wenn wir hier entlanglaufen, denke ich an den jungen Mann, der inmitten der demonstrierenden Menschenmassen einen Vogelkäfig in die Luft hielt, als Zeichen für das eingesperrte Volk. Oder an den älteren Mann, der sich mit einem Baguette bewaffnet in Schusspose der Polizei entgegenstellte und eine junge Frau, die mit ihrer berührenden Stimme so viel Gefühl transportierte und allen aus der Seele sprach.

Emel Mathlouthi

Die damals noch unbekannte Musikstudentin Emel Mathlouthi, wurde aufgrund ihres Engagements für die tunesische Revolution auch „die Stimme der Jasmin-Revolution“ genannt. Ihr Lied „Kelmti Hourra“ („Mein Wort ist frei“) wurde zur Hymne der tunesischen Revolution. Es ist „eine Hommage an diejenigen, die ihr Leben gelassen haben, damit wir in Tunesien frei leben können“, sagte sie. Emel Mathlouthi kennt in Tunesien jeder, der um die Jahreswende 2010/2011 im Zuge Aufstände und zum Auftakt des Arabischen Frühlings auf die Straße zog, um eine neue politische Ära zu fordern, mutig nach Freiheit rief, Glück und Emanzipation suchte

Emel Mathlouthi singt „Ich bin eine von denen, die frei sind und keine Angst haben. Ich stehe für die Geheimnisse, die niemals sterben. Ich bin die Stimme derer, die nicht aufgeben. Ich bin frei und mein Wort ist frei.“

Symbole der Macht

Wir sind auf dem Weg nach La Goulette und wollen von Tunis mit der Bahn dorthin fahren. Vorbei an der großen Standuhr am Kreisverkehr laufen wir an einer Statue vorbei. Die war doch vorher noch nicht hier, denke ich. Ja und nein!

Hoch zu Ross sitzt dort der Namensgeber der Straße und erste Präsident Tunesiens Habib Bourguiba. Als Zine El Abidine Ben Ali 1987 an die Macht kam, ließ er die Reiterstatue nach La Goulette versetzen und stattdessen eine massive Standuhr in der Mitte des Kreisverkehrs platzieren. Diese sollte die neue Zeitrechnung zu Beginn Ben Alis Präsidentschaft symbolisieren. Mit diesen Informationen, bekommen aber mittlerweile auch die Worte „Ben Alis Zeit als Präsident sei abgelaufen“ eine andere Symbolik

2011 wurde der große Kreisverkehr zur Erinnerung an die Revolution in Platz des 14. Januars benannt; die Uhr blieb. Als Beji Caid Essebsi drei Jahre später neuer Staatspräsident wurde, beschloss er, die Statue seines Lehrmeisters wieder an seinen ursprünglichen Ort zu bringen. Vom nahegelegenen Fährhafen in La Goulette ritt Bouguiba quasi aus dem Exil zurück in die Hauptstadt

Nach langem Hin und Her, in welche Richtung Bourguiba wohl schauen sollte, halten Bourguiba und sein Pferd der Uhr Ben Alis den Hintern entgegen.

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