Ichkeul-Nationalpark

„In jedem Geschöpf der Natur lebt das Wunderbare.“

Aristoteles

Eine sehr nette Abwechslung zu den geschäftigen Straßen von Tunis ist eine Fahrt ins Grüne. Etwa 75 km nördlich von Tunis und 30 km südlich von Binzert breitet sich bei Tinja das Sumpfgebiet des Lac Ichkeul, am Fuß des gleichnamigen Berges Djebel Ichkeul aus und bildet einen sehenswerten Nationalpark. Kleine, gemauerte Häuschen mit Zäunen aus Palmenblättern inmitten von weitläufiger Landwirtschaft säumen den Weg. Hier und da stehen ein paar Ziegen und Esel, während die dort ansässigen Familien mit der Ernte auf den Feldern beschäftigt sind. Irgendwie scheint hier die Zeit still zu stehen!

Es fahren zwar keine öffentlichen Verkehrsmittel hierher, dennoch ist der Park gut ausgeschildert über eine ausgezeichnet gepflasterte Straße zu erreichen. Die Landschaft erinnert sogar ein wenig an Südfrankreich. Ich mag den Park, denn in gängigen Reiseführern ist er kaum erwähnt, was dazu führt, dass zum Glück auch Reisebusse voller Touristen ausbleiben. Kaum vorstellbar, dass man hier, nicht unweit der Hauptstadt, mit ein wenig Glück inmitten von Flamingos und Wasserbüffeln durch die Natur wandern kann und dabei fast allein ist. Nachdem man das große Tor durchfahren hat, führt der Weg bereits durch den Nationalpark bis zum Haupteingang und mehreren Parkplätzen. Hier tragen wir uns in eine Besucherliste ein, damit die Parkleitung uns möglichst suchen kann, sollten wir uns verirren und den Park nicht mit Einbruch der Dämmerung wieder verlassen.

Der Ichkeul-Nationalpark wird meist von einheimischen Naturliebhabern, frisch verliebten Pärchen und Familien besucht, die im Frühjahr zum Picknick im Schatten von Johannisbrot- und Olivenbäumen in den Park an der Bergseite kommen.

Der Eintritt ist kostenlos. Meines Erachtens sollte man hier wenigstens einen kleinen Beitrag verlangen. Ein weit verbreitetes Problem Tunesiens macht leider auch vor dem Park nicht Halt: weggeworfener Müll, insbesondere leere Plastikflaschen, säumen die Wanderpfade. Ganz klar eine Tatsache mangelnden Verstandes! Mit Eintrittsgeldern könnte man zumindest ab und an einen Reinigungstrupp bezahlen und die engagierten Menschen unterstützen, denen die Wichtigkeit des Nationalparkes bereits bewusst ist. Darüber hinaus bietet dieses Fleckchen Erde eine erhaltenswerte, paradiesische Landschaft.

Teilweise werden geführte Wanderungen von ansässigen Vereinen und Naturliebhabern organisiert. Wie dem auch sei, festes Schuhwerk ist ein Muss. Sollte man allein loslaufen – so wie wir – ist ein Navi auch nicht zu unterschätzen, denn man kann hier schnell die Orientierung verlieren.

Museum

Regelmäßig sind auch Schüler, Studenten und Forscher zu Besuch. In der Nähe des Park-Eingangs wurde zu Schulungs- und Forschungszwecken ein Empfangszentrum errichtet, das mit Labor, Konferenzraum und Bibliothek ausgestattet ist. Hier, an der Nordostspitze des Berges, führt uns ein Pfad zuerst zum kleinen Öko-Museum, in dem man eine Dauerausstellung zur ökologischen Bedeutung und Vielfalt des Parks besuchen kann. Neben ausgestellten Fossilien wird hier auch auf die römischen Geschichte verwiesen. Schließlich wurden im Nationalpark Reste eines Wachturms oder eines Lagers entdeckt.

Eckdaten des Nationalparks

Bereits im Jahr 1240 nutzte man das Gebiet des heutigen Nationalparks als Jagdrevier. Mitte der 1960er-Jahre wurde man auf die Bedeutung dieser Region für die Tierwelt aufmerksam. 1974 wurde der Park das erste Mal unter Schutz gestellt. Das Naturschutz-Areal lädt zu Spaziergängen entlang des Sees ein; gekennzeichnete Wege lassen die Besucher auch die reizvolle Berglandschaft entdecken. Auf einer Fläche von 12.600 ha liegen der 8.500 ha große See, das ihn umgebende Sumpfgebiet von 2.737 ha Größe und ein nach Süden ausgerichteter Berg mit 511 m Höhe.

Der gesamte Nationalpark Ichkeul weist ein angenehm mediterranes Klima auf. Regelmäßige Regenschauer im milden Herbst und Winter machen die Region zu einem der am meisten bewässerten und grünen Gebiete der Nordküste Tunesiens.

UNESCO Welterbe

Die UNESCO erklärte 1988 das Naturschutz-Areal zum Weltnaturerbe. Das Vorhandensein einer indigenen Bevölkerung im Gebiet des Parks sowie deren Aktivitäten zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen hatten bereits 1977 dazu geführt, dass das Gebiet einen Platz auf der Liste der UNESCO-Biosphärenreservate erhielt. Der See und die Sümpfe des Ichkeul-Nationalparks sind eines der vier bedeutendsten Feuchtgebiete des Mittelmeers. Die anderen sind Donana in Spanien, die Camargue in Frankreich und El Kala in Algerien. 

1996 wurde der Ichkeul-Nationalpark allerdings auf die rote Liste des gefährdeten Welterbes aufgenommen. Um die in dem Gebiet ansässigen 130 Familien mit Trinkwasser zu versorgen, wurden drei Dämme gebaut. Ihr Bau auf den Wasserläufen, die ursprünglich die Feuchtgebiete versorgten, stellte eine Bedrohung des Nationalparks dar. Mit dem Abfangen des kostbaren Trinkwassers stieg dummerweise der Salzgehalt des Sees, wodurch sich die Pflanzenwelt gravierend veränderte. Um dem entgegenzuwirken, ergriffen die tunesischen Behörden Maßnahmen, um die Versalzung des Ichkeul-Nationalparks zu stoppen, in der Hoffnung, dass sich das Gebiet von dem menschlichen Eingriff erholt. So konnte der Nationalpark 2006 wieder von der Gefährdungsliste gestrichen werden, nachdem sich die Lage nachweislich verbessert hatte und die Wiederherstellung des Ökosystems zufriedenstellend verlief.

Ökologischer Reichtum des Parks

Die Vielfalt und die naturbelassenen Biotope führen im Ichkeul-Nationalpark zu einem außergewöhnlichen Reichtum an wilder Flora und Fauna. Schautafeln verweisen hier auf rund 230 Tier- und mehr als 500 Pflanzenarten.

Ursprünglich erfolgte die Gründung des Nationalparks, um die dort heimische Vogelwelt zu schützen. Hier gibt es Futter, Nistplätze und dank des Sees auch genügend Trinkwasser. Hunderttausende – teils vom Aussterben bedrohte Zugvögel – überwintern hier, einige lassen sich zum Beispiel im breiten Schilfgürtel um den See zum Brüten nieder, weitere gesellen sich für eine Pause hinzu. Mediterrane Arten pflanzen sich an diesem Ort fort. Der Rastplatz ist für Millionen von Enten, Gänsen, Störchen, Reihern und weiteren Zugvögeln wichtig, die nach ihrer Reise über das Mittelmeer eine Pause einlegen und sich auf den Weiterflug vorbereiten. Sie ziehen tiefer in den Süden, jenseits der Sahara und kommen erst im Frühling wieder zurück. Im Sommer finden sich hier auch Flamingos ein – wir haben tatsächlich Glück und bewundern ihre rosefarbenen Federkleider. Der Berg bietet auch bestimmten Arten in den Felsen und sogar Raubvögel, wie dem majestätischen Adler ein Zuhause. Zur Hochsaison sind im Nationalpark rund eine halbe Million Vögel gleichzeitig anwesend. 

Neben der Vogelvielfalt sind im Ichkeul-Nationalpark viele Eidechsen und Schildkröten, Wildschweine und Wasserbüffel beheimatet. Die Herkunft der Ichkeul-Büffel ist ungewiss. Einige denken, sie wurden sie von den Osmanen mitgebracht. Andere sagen, sie wurden Ahmed Bey um 1840 von Italien angeboten. Diese Tiere können durchschnittlich 500 kg wiegen. Die Beschilderung verweist zudem auf Schlangen, Schakale, Wildkatzen sowie verschiedene Fledermausarten. Am Nordhang des Berges Ichkeul im Aïn Atrous-Tal soll eine Höhle für große Fledermauskolonien liegen. 

Insbesondere im Frühjahr zeigt das Naturschutz-Areal eine farbenfrohe Artenvielfalt: von Johannisbrot über Alpenveilchen bis hin zu prächtigen Orchideen beherbergt der Park über 500 Pflanzenarten.

Der See Lac Ichkeul

Der See des Nationalparks bildet ein einzigartiges Ökosystem, in dem sich je nach Jahreszeit Süß- und Salzwasser abwechseln: Im Sommer trocknen die Wasserläufe aus, der Seespiegel sinkt und Meerwasser fließt durch einen ca. 5 km langen, natürlichen Kanal aus dem Binzert-See ein, der wiederum direkt mit dem Meer verbunden ist. Mit der Verdunstung übersteigt der Salzgehalt des Sees dann sogar den des Meeres. Mit den einsetzenden Regenschauern in Herbst und Winter steigt wieder die Menge des Süßwassers. Der Ichkeul-See ist also auch eine Art Lagune. Im Sommer zwischen Juni und Oktober, wenn der Regen ausbleibt, kann es vorkommen, dass ein Ungleichgewicht entsteht: In dieser Zeit ist der Wasserstand des Sees am niedrigsten und der Salzgehalt am höchsten. 

Der See beherbergt wichtige Wasserpflanzen und führt auch zu einem hohen Fischbestand. Besonders Meeräschen und Aale werden hier von einer privaten Firma mit Netzen im See und Fallen an der Mündung des Zuflusses zum Binzert-See gefangen.

Die Legende der Schildkröte

Die Legende um die Süßwasserschildkröte namens „Oummek Dereb“ führt ab und zu auch Frauen, mit bisher unerfülltem Kinderwunsch, zum Ichkeul-Nationalpark. Das Wort „Oummek“ bedeutet übersetzt „Mutter“. Diese Schildkröte galt bereits bei den Vorfahren als Symbol für Fruchtbarkeit und soll der Legende nach bemerkenswerte Kräfte haben. Manche Frauen der Region und der umliegenden Dörfern kommen nach wie vor hierher, um die Schildkröte „Oummek Dereb“ um Hilfe zu bitten, indem sie ein lokales Lied rezitieren, auf dass sich ihre Wünsche erfüllen.

Natürliche Quellen

Mit dem Auto kann man den See entlang, bis zu einer Ansammlung von weiß getünchten Hamams fahren. Hier entspringen – als besonders heilkräftig geltende – heiße Thermalquellen, die zwischen Februar und Mai eine Art Wallfahrtsort sind. Die bekannteste der schwefelhaltigen Quellen heißt AÏn Négrèse. Wer hier allerdings ein hübsch orientalisches, wohlduftendes Badehaus erwartet, wird enttäuscht. Hier heiligt ausschließlich der gesundheitsfördernde Zweck die Mittel.

Eine weitere Quelle mitten in der Wildnis entdecken wir durch Zufall, denn auf den ersten Blick ist sie weder als Hamam, noch überhaupt als einladendes Gebäude erkennbar. Als wir im Vorbeiwandern feststellen, dass eine einheimische Familie in den mit Planen und Ästen bedeckten Steinhaufen klettert, sind wir neugierig und folgen ihnen. Wahrlich keine Schönheit – das fehlende Dach des verfallenen Hamams wurde zweckmäßig ersetzt. Während die Kinder der Familie ihre Füße in das mit heißem Quellwasser gefüllte Becken halten, ergreifen wir die Flucht – zu warm, zu stickig, zu eng. Schade drum! Und auf ein Neues stellen wir fest: Würde man die Besucher erziehen, ihren Müll mitzunehmen und nicht einfach ins Grüne zu schmeißen, diesen Ort hier ein wenig aufhübschen und pflegen, hätten einfach alle ein wenig mehr Freude daran.

Berg Djebel Ichkeul

Inmitten der großen Sumpflandschaft ist der eigentliche See relativ klein. In der Nähe des Eingangs erhebt sich der majestätisch anmutende Djebel Ichkeul und besticht wirklich durch eine bemerkenswerte Landschaft. Auf dem Gipfel eröffnet sich eine herrliche Panoramasicht auf die sechs Sümpfe rund um den See.

Der Ursprung des Berges Djebel Ichkeul bleibt Geologen ein Rätsel, da es in der Region eigentlich keine ähnlichen Vorkommnisse gibt. Der Berg besteht aus Kalkstein und Marmor aus der Trias- und Jurazeit. Letztere begann vor etwa 201,3 Millionen Jahren und endete vor etwa 145 Millionen Jahren. Die Juraperiode wird vom Trias-Zeitalter unter- und von der Kreidezeit überlagert. Trias war die früheste Zeit des Erdmittelalters und der Anfang des Zeitalters der Dinosaurier.

Auch wenn ich mich an dieser Stelle wiederhole: Es erfüllt mich jedesmal mit einer immensen Traurigkeit, zu sehen, wie hier mit der Umwelt umgegangen wird. Leere Plastikflaschen und Getränkedosen hier, Zigarettenpackungen da … Auch wenn es eigentlich einen anderen Kontext birgt, erstmal vor der eigenen Haustür zu kehren, so steckt in dieser Redewendung ja ein tiefgründiger Sinn. Im Hinblick auf eine saubere Umwelt für uns und die Generationen nach uns, sollte es doch überall auf der Welt möglich sein, ein bisschen mehr Verantwortung zu übernehmen. Natur ist der Garant für ein Gleichgewicht – je „ursprünglicher“ die Natur, desto größer sind die positiven Effekte für den Menschen.

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