Sefsari

„Kleidung ist selbstverständlich ein Ausdruck von Kultur.“ 

Jil Sander

In der Nähe des Medina-Tors Bab Souika kehren wir zum Mittagessen immer wieder gerne im Restaurant L’Independence ein. Es gehört Onkel Taher, dem besten Freund von Rajas Papa. Hier kocht der Chef nach über 50 Jahren immer noch persönlich und setzt sich pünktlich zum Dessert für ein wohlverdientes Päuschen zu uns.

In Erinnerungen schwelgend erzählt er uns gerne eine Anekdote aus seiner Jugend: Rajas Papa wollte sich einen Scherz erlauben und kündigte seinem Freund damals bei einem Spaziergang durch die Souks ein unvergessliches Erlebnis an: So kniff er einer – in Sefsari gehüllten Dame – in den Po. Sie drehte sich um und schaute Rajas Papa entsetzt in die Augen. Der reagierte souverän, zeigte mit dem Finger auf Onkel Taher und sagte, er hätte genau gesehen, dass sein Freund der Schuldige sei. Onkel Taher verstummte vor Schreck, lief vor Scham rot an und musste die unangenehme Situation über sich ergehen lassen, sich von der Fremden lautstark beschimpfen zu lassen.

Traditionelles Kleidungsstück

Der Sefsari ist als kulturelles Erbe – neben der Chechia für Männer – das traditionelle tunesische Kleidungsstück der Frauen: Eine Mischung aus beige- oder elfenbeinfarbenem Kopftuch und Umhang, der über der normalen Kleidung um den gesamten Körper bis zum Knöchel geschlungen wird und auch den Kopf bedeckt. Der Sefsari war in der tunesischen Gesellschaft vor der Unabhängigkeit ein gängiges Kleidungsstück. Tatsächlich gab es kein bestimmtes Alter; ob jung oder alt, alle trugen das Tuch. Es war ein Zeichen der Bescheidenheit und wurde verwendet, um die weiblichen Körperformen vor neugierigen Blicken der Männer zu verbergen. In einigen Regionen Tunesiens, insbesondere im Süden, waren und sind Sefsaris auch heute noch sehr bunt.

Fast jeder unserer Generation hat noch Kindheitserinnerungen, als Mütter und Großmütter es trugen. Heute sieht man nur noch vereinzelt ältere Damen, die sich in Sefsaris gehüllt durch die Gassen der Medina oder die Souks bewegen. Auch wenn diese Tradition des Tragens der Sefsaris in anderen, meist ländlichen Regionen wie in der Sahelzone, in Kairouan und in Zarzis fortbesteht, ist sie in der Hauptstadt praktisch verschwunden.

In den 1930er Jahren war ein Sefsari fünfeinhalb Meter lang. Jede Frau kaufte mindestens zwei Sefsaris – einen zum Einkaufen und einen für besondere Anlässe. Der Preis eines Sefsaris variierte je nach Material wie Baumwolle, Leinen, Satin oder edler Seide entsprechend seiner Verwendung und Anlass. Er wurde im Alltag oder für die Hochzeitszeremonie getragen. Zwischen 20 und 30 Dinar kostete der Sefsari aus Seide. Für einen aus Leinen bezahlte man ca. 5 Dinar. In dieser Zeit trugen die Frauen das Tuch zudem voller Würde, um sich optisch gegen die französische Besatzung aufzulehnen und die tunesische Identität, also die eigene Kultur, zu bewahren. 

In den 1960er Jahren entledigten sich die tunesischen Frauen nach und nach, unter der Führung des ersten Präsidenten Habib Bourguiba, ihres Sefsaris. Nach der Unabhängigkeit Tunesiens hatte Bourguiba versucht, als Zeichen der postkolonialen, neuen Ära, das Tragen des Tuchs zu beenden. Er wollte das Land modernisieren und Frauen emanzipieren: Alte Aufnahmen zeigen den ehemaligen Führer, wie er einigen Frauen, den Sefsari vom Kopf entfernte und damit ermutigen wollte, den Sefsari abzulegen, um ihren Status – gleich dem eines Mannes – in der Gesellschaft anzunehmen. 

Heute werden Sefsaris nur noch vereinzelt in den Souks angeboten: Mittlerweile sind sie meist nicht länger als 2,5 Meter und kosten zwischen 120 bis 200 Dinar. Meist kaufen zukünftige Bräute das traditionelle Tuch, um es während der Hochzeitswoche für den Weg zum Hamam und insbesondere beim Verlassen des Bades tragen, um ihre Schönheit vor neugierigen Blicken zu verbergen. 

Weberei

In den kleinen Gassen tief im Souk stehen ab und zu die Türen zu den Werkstätten offen und tatsächlich haben wir Glück: Wir treffen auf Amir, der uns berichtet, dass Sefsaris seit 40 Jahren nicht nur sein Beruf sondern Berufung und seine Leidenschaft sind. Aufgrund der fehlenden Nachfrage ist auch das Webhandwerk der traditionellen Gewänder stark zurückgegangen. Nur wenige junge Menschen, wenn überhaupt nur Mädchen bringen noch Interesse und Geduld mit, das Weben der Sefsaris zu erlernen. So weiht Amir sie gerne in alle Geheimnisse dieses Handwerks ein, damit diese Tradition nicht stirbt und weiterhin von Generation zu Generation fortbesteht. „Der Sefsari ist vergleichbar mit einer Tracht und ist die Erinnerung an unser kulturelles Erbe. Es wäre schade, wenn er ganz und gar verschwindet”, sagt er.

Während viele junge Leute tagein tagaus perspektivlos in den Cafes sitzen, ist Amir überzeugt, dass das Sefsari-Weben ein sehr edles Handwerk ist. „Ich bin glücklich, mit diesem Beruf aufgewachsen zu sein und damit alt zu werden“, sagt er und bewegt den Mechanismus des Webstuhls routiniert weiter. In jedem Gewand stecken viel Fingerfertigkeit und Leidenschaft. Die Arbeit erfordert große Sorgfalt und viel Geduld: Der kleinste Fehler ist im Endprodukt zu sehen und birgt das Risiko, seinen Wert zu mindern. Die Dame, die einen Sefsari kauft, erwirbt ein handgemachtes Unikat. 

Ab und an finden – meist organisiert von kulturbegeisterten Studenten – in der Medina Web-Workshops statt, die mit solchen Aktionen an das kulturelle Erbe erinnern möchten. Leider konnten wir bisher noch nicht herausfinden wann und wo genau, sonst hätten wir einer solchen Veranstaltung auch gerne mal einen Besuch abgestattet.

Modisches, kulturelles Erbe

Welche schöne Ausstrahlung eine Frau hat, die sich in einen Sefsari hüllt, besang auch schon Fawzi Ben Gamra, einer der bekanntesten tunesischen Mezwed-Musiker. Ein Mezwed ist übrigens ein traditionelles Beduinen-Instrument. Das Wort bedeutet ursprünglich Proviantbeutel und ähnelt einem Dudelsack. Ebenso wie der Sefsari ein modisches Erbe Tunesiens darstellt, hat der Mezwed im musikalischen Sinn auch eine wichtige Bedeutung im musikalischen Repertoire des Landes. In einem weiteren Artikel sollte ich dem traditionellen Musikinstrument, den Klängen und Künstlern ein paar extra Zeilen widmen.

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